Nachdem in diesen Tagen die Offenen Briefe Hochsaison haben, kann ich mich kaum des inneren Drangs erwehren, eine ebensolche Epistel zu verfassen:
Sehr verehrter Herr Herausgeber,
ich bin ja nur ein kleines Würschtl und es geht einen kleinen Staatsbürger auch gar nichts an, aber eine Frage brennte mir schon unter meinen nichtswürdigen Nägeln: Wieviele Regierungsmitglieder geben sich bei Ihnen eigentlich wöchentlich so die Klinke in die Hand? Ich gehe ja nicht davon aus, dass eine Standleitung aus dem Ministerrat in Ihr geschätztes Büro existiert.
Der jahrzehntealte Gemeinplatz, wonach Ihr Kleinformat unser Land mitregiert, scheint ja nur ein mäßiger Abklatsch der ganzen Wahrheit zu sein.
Ich bin ein Kind der Siebziger und mit Ihrem Blatt praktisch aufgewachsen. Obwohl ich mir anmaße, dem sogenannten “Boulevard” intellektuell entwachsen zu sein, bleibt ein Rest von kindlicher Vertrautheit. Natürlich habe ich meine erste Nackerte auf Seite 4 (oder war es Seite 7 ?) gesehen. Automatisch war der Blick auf die Rückseite, wollte ich wissen, was es im Fernsehen gibt. Jedem Österreicher seine Krone.
Mit den Berichten der letzten Tage zeigt sich aber trotz aller Vertrautheit die Fratze Ihres jahrzehntelang aufgebauten Machtgeflechts. Sie, verehrter Herausgeber, halten Millionen Österreicher auf einem infantilen intellektuellen Niveau. Was wollt ihr liebe Kinderlein ? Wollt ihr, dass die bösen Onkeln aus der EU im gemütlichen Ö-Kindergarten etwas zu sagen haben? Und vielleicht noch euren lieben Onkel Hans aus dem Kindergarten vertreiben, der euch jeden Tag die Welt mitsamt der Nackerten erklärt ? Neeeeeein !! Darüber stimmt ihr ab liebe Kinderlein. Dann bleibt alles gut.
Als ob es nicht schlimm genug wäre, werden die besten Häppchen Ihres täglichen Auswurfes seit Jahren über ein Gratisblatt Ihrer geschätzten Herausgebertocher in den U-Bahnen verteilt und von Zigtausenden wie das Evangelium inhaliert. Bei jedem Minderjährigen, der in diesem Dreck wühlt, fragt sich der kleine Staatsbürger, warum das Jugendamt nicht einschreitet.
Nichts für ungut, verehrter Herr Herausgeber. Ich weiss, dass dieses Schreiben nichts bewirken kann. Aber immerhin könnte theoretisch jeder der Milionen Leser Ihrer Zeitung auch dieses Schreiben lesen. Und ich habe meine Meinung gesagt. Punkt.
Unbeeindruckt
Camus