Wenn der graue einsame Wolf nicht schlafen kann, weil sich kein Mäuschen an ihn drückt, dann schleicht er rast- und ruhelos an den Ufern der Insel Simsalabim in den Weiten des virtuellen Ozeans.

Der graue Wolf hält Ausschau nach der Gute-Nacht-Prinzessin, die auf Simsalabim ihre Heimat hat. Da ! Da sieht er sie, die schöne Prinzessin mit ihrer treuen Hundeschar. Der graue einsame Wolf ist traurig, weil er kein liebes kleines Hundchen ist.

Doch die Prinzessin hat ein Erbarmen und erzählt dem Wolf eine Gute-Nacht-Geschichte. Der einsame graue Wolf entschlummert sanft und träumt von einem kleinen grauen Mäuschen.

Nachdem in diesen Tagen die Offenen Briefe Hochsaison haben, kann ich mich kaum des inneren Drangs erwehren, eine ebensolche Epistel zu verfassen:

Sehr verehrter Herr Herausgeber,

ich bin ja nur ein kleines Würschtl und es geht einen kleinen Staatsbürger auch gar nichts an, aber eine Frage brennte mir schon unter meinen nichtswürdigen Nägeln: Wieviele Regierungsmitglieder geben sich bei Ihnen eigentlich wöchentlich so die Klinke in die Hand? Ich gehe ja nicht davon aus, dass eine Standleitung aus dem Ministerrat in Ihr geschätztes Büro existiert.

Der jahrzehntealte Gemeinplatz, wonach Ihr Kleinformat unser Land mitregiert, scheint ja nur ein mäßiger Abklatsch der ganzen Wahrheit zu sein.

Ich bin ein Kind der Siebziger und mit Ihrem Blatt praktisch aufgewachsen. Obwohl ich mir anmaße, dem sogenannten “Boulevard” intellektuell entwachsen zu sein, bleibt ein Rest von kindlicher Vertrautheit. Natürlich habe ich meine erste Nackerte auf Seite 4 (oder war es Seite 7 ?) gesehen. Automatisch war der Blick auf die Rückseite, wollte ich wissen, was es im Fernsehen gibt. Jedem Österreicher seine Krone.

Mit den Berichten der letzten Tage zeigt sich aber trotz aller Vertrautheit die Fratze Ihres jahrzehntelang aufgebauten Machtgeflechts. Sie, verehrter Herausgeber, halten Millionen Österreicher auf einem infantilen intellektuellen Niveau. Was wollt ihr liebe Kinderlein ? Wollt ihr, dass die bösen Onkeln aus der EU im gemütlichen Ö-Kindergarten etwas zu sagen haben? Und vielleicht noch euren lieben Onkel Hans aus dem Kindergarten vertreiben, der euch jeden Tag die Welt mitsamt der Nackerten erklärt ? Neeeeeein !! Darüber stimmt ihr ab liebe Kinderlein. Dann bleibt alles gut.

Als ob es nicht schlimm genug wäre, werden die besten Häppchen Ihres täglichen Auswurfes seit Jahren über ein Gratisblatt Ihrer geschätzten Herausgebertocher in den U-Bahnen verteilt und von Zigtausenden wie das Evangelium inhaliert. Bei jedem Minderjährigen, der in diesem Dreck wühlt, fragt sich der kleine Staatsbürger, warum das Jugendamt nicht einschreitet.

Nichts für ungut, verehrter Herr Herausgeber. Ich weiss, dass dieses Schreiben nichts bewirken kann. Aber immerhin könnte theoretisch jeder der Milionen Leser Ihrer Zeitung auch dieses Schreiben lesen. Und ich habe meine Meinung gesagt. Punkt.

Unbeeindruckt

Camus

Treten Sie ein, meine Damen und Herren! Wir nähern uns der Depression. Alle Profile durchgezappt. Was erwarten Sie von einem Profil? Zunächst ein Bild natürlich. Ohne Bild geht gar nichts. Die Vorurteile werden am besten durch ein Bild bedient. Schublade auf, Gesicht rein. Das läuft wie geschmiert. Noch ein paar originelle Worte dazu. Doch Worte müssen durch das Großhirn. Oft ein Nadelöhr. Also mit den Worten werden wir sparsam sein. Prägnante Angaben müssen reichen. Nur keine Philosophie oder gar Ironie. Ironie zeugt von Unernst. Und Ernst ist die Mutter der Beziehungskiste. Ohne ernste Absichten keine Kiste. Ist Ihnen der Ernst der Lage bewusst, meine Damen und Herren? Auch in der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins ist nichts so ernst wie die Panik vor dem Torschluss.

Sie sind froh, nicht den Weg der Frisöse oder des KFZ-Mechanikers gegangen zu sein? Verliebt mit 16, verheiratet mit 18, zwei Kinder, dünnwandiges Sozialbauelend, zwei Autos, vier Handys, Präkariatsfalle. Nein danke. Lieber allein und stattdessen Karriere. Oder was mann und frau dafür hält. Aber es fehlt halt doch irgendetwas. Natürlich tut es das. Sobald Sie darüber nachdenken, meine Damen und Herren, ist es schon zu spät. Nichts ist dauerhafter als Lebenslügen. Sie dauern bis zum Ende.

Und so zappen wir uns weiter durch das Leben, meine Damen und meine Herren. Die Illusionen und Erwartungen sind hartnäckig. Der Prinz und die Prinzessin warten da draussen. Die Hoffnung kann nicht sterben.

Ein Nachtrag zu den letzten drei Beiträgen:

Nachdem das bevorstehende Großereignis nicht gleichzeitig beim Namen genannt und kritischen Kommentaren ausgesetzt werden darf , wurden sämtliche diesbezügliche Tags aus den letzten Beiträgen entfernt. Ansonsten wird man des “Ambush-Commenting” bezichtigt und von höchster Stelle abgemahnt.

em-2008-ambush-commenting-blog-von-der-uefa-abgemahnt

Man muss sich vorstellen, dass vermutlich mehrere zig Leute beauftragt sind, das Internet nach solchen Dingen zu durchforsten. Bitte Bitte liebe üfa-Leute findet mich und mahnt mich ab. Ich bin ein subversives Anti-Fußball-Ambush-Element. Mir geht euer Fußballturnier am Bush vorbei.

Kann man es bizarr nennen?

Nein, das wäre zu einfach. Ein intellektuelles Naserümpfen gegenüber dem scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Patriotismus ist eine allzu durchsichtige Reaktion.

Der Mensch braucht Ausnahmezustände. Im Kleinen und im Großen. Um den abgelutschten Verweis auf “Brot und Spiele” im alten Rom kommt man kaum herum. Patriotismus - wenn auch in dieser milden, fußballmotivierten Form - ist ein derartiger Ausnahmezustand. Der Mensch erhebt sich aus seiner bedeutungslosen Existenz in eine höhere Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Aber hat es tatsächlich mit Patriotismus zu tun? Es wurden schon zweifache Beflaggungen mit österreichischer und kroatischer Flagge oder den Farben sonstiger Nationalitäten beobachtet. Das ist kein Patriotismus im klassischen Sinne und schon gar kein Nationalismus. Was sich hier abspielt ist eigentlich Karneval mit bunten Fähnchen.

Auch wenn es meinem sprachästhetischen Gefühl widerstrebt. Aber man kann es nicht anders sagen: Der Rathauspark verwandelt sich in ein Riesenscheisshaus. Gut, man hätte Riesenpissoir sagen können. Aber das wäre zweifelsohne nur die halbe Wahrheit.

Sämtliche Mobilklos aus dem Großraum Wien und vermutlich aus dem benachbarten Ausland werden konzentriert, um die Fauna der Parkanlagen vor dem Untergang zu bewahren. Wie dimensioniert man ein Riesen … pissoir ? (schon gut) Dazu gibt es sicher ein Merkblatt der MA48. Man nehme die maximale Anzahl an Fans von ca. 75.000. Der durchschnittliche Pinkelvorgang dauert konservativ geschätzt, sagen wir, eine Minute. Vereinzelte große Geschäfte mit eingerechnet. Bei mäßig bis heftigem Bierkonsum ist gemäß Erfahrungswerten durchschnittlich ein Harndrang pro Stunde zu erwarten. Somit wird 75.000 Minuten pro Stunde gepinkelt. Das macht 1250 Mobilklostunden pro Stunde bzw. die Erfordernis von einer ebensolchen Anzahl an Plastiktoiletten. 1250 Stück!. Ich hoffe inständigst für den Baumbestand, dass sich die Magistratsbeamten nicht verrechnet haben.

Aber natürlich ist das alles graue Theorie. Wird der gemeine männliche Fußballfan nach Inhalation des fünften Plastikbechers Gerstensaft dem geselligen Freiluftpinkeln entsagen und sich in die stickig-stinkende Plastikkabine zurückziehen? Zweifel dürfen aufkeimen. Aus diesem Grund werden vermutlich ohnehin nur ein paar hundert der Mobilklos aufgestellt.

Der Rest ist verbrannte Erde …

“Jössas, was gschieht denn jetzt? Werd ich renoviert auf meine alten Tag? Jetzt sitz ich schon 120 jahr da heroben, aber sowas hab i doch no ned erlebt!

Pablik vijuing? Aber gehts, so fesch bin i do gar nicht mehr .. obwohl wie i jung war habn die Männer schon sehr…

Was? Fußball ? Ganz Europa kommt zu uns. Achsoo! Na da muss ich ja gleich ein feierliches Dekret … also … >> An meine Völker … was? mir ham gar keine Völker mehr? Geh seids ned gscheit! Und a Demogratie habts jetzt? Geh bitt euch, wo doch der Otto mein Urururenkerl so ein stattlicher Kaiser gwesen wär.

Jaja von der EU hab ich schon ghört. Da wachelt in letzter Zeit immer so eine blaue Flagge von der Hofburg rüber. Am Anfang hab ich glaubt, da Jörgl hat geputscht. Wär ma fast das Herz in den Reifrock gerutscht. Naja machts halt EU und EURO und das ganze neumodische Zeugs.

Eins muss ich noch sagen - ich hab meine Völker noch im Griff ghabt und habs nicht in eine Fanzone einsperren müssen wie wildgewordene Affen.

Geh ich tät schön bitten, bindets ma so einen Werbe-Fetzn um den Kopf, damit i mir des Elend ned anschauen muss. Also bis dann meine Ex-Untertanen, i sitzt eh no länger da.”

Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, 1717 - 1780

Der ältere Herr spricht nicht mit uns. Er spricht mit seiner Stromgitarre. Und wir hören zu. Wir Enddreissiger und Frühvierziger. Fossile Klänge aus den Achtzigern und Neunzigern an die Schmerzgrenze der alternden Trommelfelle getrieben. Er spielt uns die Träume und Sehnsüchte durchgemachter Nächte von damals. Noch ehe wir sie verraten hatten. So Far Away.

0 Cent in alle Netze

“Auch die Menschen sondern Unmenschliches ab. In gewissen hellsichtigen Stunden läßt das mechanische Aussehen ihrer Bewegungen, ihre sinnlose Pantomime alles um sie herum stumpfsinnig erscheinen. Ein Mensch spricht hinter einer Glaswand ins Telephon, man hört ihn nicht, man sieht nur sein sinnloses Mienenspiel: man fragt sich, warum er lebt.”

Albert Camus,  Der Mythos von Sisyphos

Der Kabelmonopolist begeistert mit subtilem Einfallsreichtum. Nicht endenwollende Versuche zeitgeistiger Kampagnen sind schnello nüchterner Sachlichkeit gewichen. Oder will man etwa einer Warnung des Gesundheitsministers zuvorkommen: “Zu langes Herumlungern bei Fernsehen, Internetsurfen und Telefonieren verursacht Herz-Kreislauf Erkrankungen.”

Gleichzeitig zeigt man mit dreidimensionalen Lettern und Spiegeleffekten graphische Raffinesse mit kraftvoller Symbolik. Der unendliche Raum schrankenloser Kommunikation öffnet sich dem Betrachter. Dieses Kabel ist die digitale Nabelschnur zur Welt.

Hüten Sie sich zum Schutze Ihrer geistigen Gesundheit vor dem zugehörigen Fernsehspot. Eine Information im Dienste der Allgemeinheit.